Treffen im Schlosspark Charlottenburg


Der Berlin-Brandenburgische Märchenkreis in eigener Sache - beim Spaziergang durch den Schlosspark Charlottenburg:

Kleiner Bildungslauf durch die Natur- und Kulturgeschichte des Schlosses Die Bank im Park unter den alten Bäumen inspirierte uns, Märchen zu erzählen, die im "Internationalen Jahr des Waldes - 2011" natürlich auch von Bäumen berichteten...

Der wandernde Baum (Ein Märchen aus England)

im Schlosspark
"Wenn ich am frühen Morgen in der Stadt auf dem Markt sein will, muss ich noch in der Nacht aufbrechen", sagte einmal ein Bauer.

Und er zog los. Es war Herbst, kalt und neblig, der Mond hatte sich hinter den Wolken versteckt und unser Bauer musste höllisch aufpassen, dass er nicht vom Wege abkam. Und dabei war ihm, als ginge jemand neben ihm her. Er hörte zwar keine Schritte, aber hin und wieder ein Lachen, so ein trockenes Lachen, wie wenn Äste knarren. Am liebsten wäre er umgekehrt, aber was ein echter Kenter Bauer ist, der lässt sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen. Und so marschierte er tapfer weiter.

im Schlosspark
Die Wolken wurden immer dichter, der Wind immer stärker, es begann zu regnen und der Mann überlegte, wo er sich unterstellen könnte. Er wusste, dass er gerade an einem Zaun vorüber kam und wollte hinüberklettern, aber wie er so um sich tastete, da war ihm, als sei das gar kein Zaun, sondern ein Baum, und über ihm rüttelte der Sturm an den Zweigen. Vor Grauen stiegen ihm die Haare zu Berge, aber weil er nun ein echter Kenter Bauer war, ging er im Finstern weiter.

So brachte er etwa drei Meilen hinter sich und war durchgefroren und steif vor Kälte wie ein Eiszapfen und noch dazu nass bis auf die Haut. Die Kräfte verließen ihn, er fiel hin, zog sich den Mantel über den Kopf - da fühlte er auf der Schulter eine warme Hand, aber es konnte auch ein Zweig sein, denn es roch nach Äpfeln.
im Schlosspark
"Ich weiß nicht, was du vorhast", sagte der Baum, denn es war wirklich ein Baum, was da die ganze Zeit neben ihm her gegangen war, "aber ich für meinen Teil bin so durchgefroren und nass, dass ich wieder nach Hause gehe, ins Trockene hinter der Scheune."

Und drehte sich um und rauschte davon. Der Baum. Während der Mann liegen blieb wie ein Stück Holz.

im Schlosspark
Ob Ihr es glaubt oder nicht, aber es war wirklich so. Wenn ihr mal nach Kent kommt und euch in der Nacht in der Heide verirrt, könnt ihr euch selbst überzeugen, was dort alles passieren kann: Die Wurzeln bekommen Finger, und die haschen nach euren Füßen, kratzen und zwicken euch und zerreißen euch die Kleider. Der Nebel windet sich zu einem Knäul, umwickelt euch und führt euch wie an der Leine, wohin er will. Die nächtliche Stille bellt euch an wie ein Hund, schreit wie ein Käuzchen, meckert wie eine Ziege. Die Dunkelheit funkelt euch aus blauen Augen an - und das alles zusammen jagt und hetzt euch, bis ihr umfallt und den Kopf unter den Mantel steckt, wie jener Bauer.

So dass ein Baum, der neben euch durch die Nacht spaziert, noch das Harmloseste ist, was euch widerfahren kann ………


Fotos und Text steuerte Bärbel Becker bei.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0