Internationaler Märchenkongress in Senftenberg 2011

Heimliche Helfer – Unheimliche Begleiter – Internationaler Kongress der Europäischen Märchengesellschaft 21.09.2011 – 25.09.2011 in der Lausitz Gott hat die Lausitz erschaffen, aber der Teufel hat die Kohle darunter versteckt – Fluch und Segen im Märchen

Senftenberg – Tagungsort für Märchenbegeisterte

Unsichtbare Helfer gibt es an allen Orten der Welt,Lutkis Puppen - Regina Hermann sie sind wie in einem Netzwerk miteinander verbunden und speisen unsere kollektive Intelligenz. Wie könnten sonst die Dampfmaschine und das Radio an mehreren Orten der Welt gleichzeitig erfunden worden sein. Diese Helferwesen treiben uns zu kollektiven Erkenntnissen. 1920 wurde die Schreibblockade in Amerika erfunden, seitdem dürfen viele die Erfahrung mit ihr machen, so Prof. Dr. Elmar Schenkel von der Universität Leipzig. Sorbische Trachtenpuppe - Regina Hermannsie sind wie in einem Nun waren diese unheimlichen Begleiter sogar Anlass genug, in Senftenberg in einer international versammelten Zunft der Märchenfreunde wie die Braunkohle endlich ans Tageslicht geholt zu werden.

Denn Märchen mögen sich in ihren Inhalten und Handlungssträngen gleichen, ihre Helden, Landschaften, Bräuche und Helferwesen allerdings sind völlig andere. So gibt es in den Märchen der Ober- und Niederlausitz keine Könige und Herren, keine höfische Literatur, weil es den Adel nicht gab. Luther äußerte sich abfällig über die seit dem 5.Jh. ansässigen Sorben im schwarzen Mückenland (sorb. Zly Komorow) als das erbärmlichste Volk in Deutschland, dem man Ordnung beibringen müsse und brachte den Wenden und Sorben die Schule in ihr isoliertes, aber sehr naturverbundenesie sind wie in einem s Leben in die Heidelandschaft mit ihren Flussauen der Neiße, Spree und Schwarzen Elster.

500 Jahre später holte sich die Stadt Senftenberg für 5 Tage Ende September den Internationalen Kongress der Europäischen Märchengesellschaft (www.maerchen-emg.de) in eben diese Lausitz, und Bürgermeister Andreas Fredrich erzählte in der Neuen Bühne des Stadttheaters, das übrigens zu DDR- Zeiten eine Kaderschmiede bekannter Schauspieler wie A. Müller Stahl, R. Römer und A. K. Bürger war, den 280 begeisterten Märchenerzähler/innen und- interessierten die Wandlungsmär der gesegneten Heide, die vom fluchbeladenen Braunkohletagebau zerschunden wurde und seit 1973 als Lausitzer Seenland den Segen einer Tourismusregion genießt.Lutki Porträt - Regina Hermann Und das Senftenberger Theater, das 2005 Theater des Jahres geworden ist, kooperiert nun mit dem Deutschen Theater in Berlin in einem für Februar 2012 vorgesehenem Stück „Oder Bruch“, das aus Zeitzeugen Interviews des Hochwassers von 1997 dramaturgisch entwickelt wird. Und so ist denn aus dem Fluch des Hochwassers wieder ein Segen für die Theaterarbeit geworden.
Und wie im Märchen das Heldenhafte gerade darin besteht, den Fluch durch Mut und Demut in einen Segen zu verwandeln, so bewegt sich unser Leben ständig zwischen diesen beiden Polen. „Segen, im Hebräischen: gut berührt sein, wird oft nicht bemerkt, solange man ihn hat“, führt Dr. Ricarda Lucas, Schriftführerin der EMG und Psychologin aus Halle, am Beispiel des sorbischen Märchens „Der Waldgeist Kosmatej“ auf. Ohne Dankbarkeit und Würdigung verwandelt sich der Segen in einen Fluch, der dann, wie in diesem Märchen, mit Hilfe der Tiere und letztendlich dem Mut der Protagonistin, einem Dämon die Tür zu öffnen, wieder in einen Segen verwandelt werden kann. Das geschieht also nur, wenn sich der Märchenheld selbst weiter entwickelt, sich mit den dunklen Mächten der Welt, d.h. dem Schattendasein des Unbewussten, den unheimlichen Begleitern auseinandersetzt. Krabat Puppe - Regina Hermann „Dem vorbestimmten Los muss also das eigene Zutun dazu gegeben werden“, so Lucas, sonst sind wir abhängig von dem Glück oder Unglück, also vom Segen und Fluch der äußeren Lebensumstände.

 

Das zeigen die Märchen (Mär= Wahrheit) und das bestätigt auch die Krabatsage in der Lausitz, die den Tagungsteilnehmern durch Vorträge, Lesungen und Ausflüge nach Groß Särchen und Schwarzkollm nahe gebracht wurde. Die wurde nach dem Tod des Rittmeisters Johann von Schadowitz 1704 in den Herzen und der Phantasie der sorbischen und deutschen Bauern geboren. Sorbinnen lebensgroße Figuren - Regina Hermann Denn auch er verstand es, den Fluch der Zerstörung der Lausitz durch den 30-jährigen Krieg und der Pest in dem feuchten Sumpfland in einen Segen zu verwandeln, indem er den Sumpf trocken- und die Leibeigenschaft ablegte. Und Gertrud Winzer, die den Verein Krabat Mühle e.V. in Schwarzkollm so leidenschaftlich vorantreibt, dass die legendäre Schwarze Mühle täglich von etwa 300 Krabatfans aus vielen Ländern besucht wird, scheint sein Lebenswerk weiter zu führen: „ Wir müssen selbst Ideen entwickeln und sie umsetzen um unser Seenland herum, es wieder zu unserer Heimat machen.“ Da wäre der Kurfürst Johann Georg III. von Sachsen, der im 17. Jh. seine Burschen aus den sorbischen Dörfern als wendische Schwachköpfe anraunzte, wohl verwundert gewesen über den Verwandlungszauber, der im August 2012 erstmalig die Krabatfestspiele in Schwarzkollm aufleben lässt. Und das ist einerseits ein konstruktives Ergebnis der Zusammenarbeit des Theaters Senftenberg mit dem Staatlichen Sorbischen Ensemble Bautzen und dem Kulturmanager in Dresden Siebecke und ein Resultat der Wirkung der universalen Bildsprache der Märchen, Mythen und Sagen, deren Botschaft im kollektiven Unbewussten aller Menschen verwurzelt ist und uns zu erfolgreichen und vor allen sinnreichen Handlungen führt.

Irrlicht Handpuppe - Regina Hermann
Neben der eigenen Schicksalszuständigkeit gibt es aber auch unsichtbare Helferwesen, denen sich dieser Herbstkongress besonders widmete: Das Irrlicht (sorb. Bludnik), das verirrte Bauern und Kinder in der Dunkelheit durch den Sumpf nach Hause führt, verlangt kess: Gib mir nen Dreier! Und wehe dem, der es vergisst. Wissenschaftlich betrachtete abgestorbene Pflanzenteile , die sich entzünden, stehen in den Sagen der Lausitz für das schlechte Gewissen der Menschen und führen sie in eine Haltung der Dankbarkeit,Mittagsfrau Handpuppe - Regina HermannPlon der Drache - Regina Hermann „denn nur ein respektvoller Umgang mit der Natur zeigt uns das gelungene Leben“ so Sabine Lutkat, Vizepräsidentin der EMG. Dazu gehören auch Hauskobold, Mittagsfrau, Wassermann, Lutkis, und Plon, von denen der Märchenforscher Max Lüthi sagen würde, „dass sie als Wesensmächte der Welt im engen Kontakt zum Märchenhelden stehen“ und ihm so zum segensreichen Ende: „Und wenn sie nicht gestorben sind…“ verhelfen.


Sichtbare Helfer aber, die diesen Wesen ihre Stimme leihen, gibt es landauf und –ab, denn nicht nur die Theaterwelle schwappt zwischen Berlin und der Lausitz hin und her.

Vom 10.11.2011 bis zum 27.11. 2011 werden Berlin und Brandenburg zur Erzählbühne der 22. Berlin- Brandenburgischen Märchentage. Dann werden Märchen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, aus den USA, lebendig und mit ihnen das Bewusstsein, dass die alten Überlieferungen aus Jahrhunderten etwas Besonderes sind, denn sie sind „wie das Theater Archivare, die die Kultur des Erinnerns pflegen als Bedingung für Humanität und Integrität“, so Sewan Latchinian, Intendant des Senftenberger Theaters.Wassermann Puppe - Regina Hermann So sieht es auch Brigitte Schaller, Märchenerzählerin aus Wendisch Rietz, die mit ihrer selbst gebauten Bambusflöte und ihrem indianischen Lieblingsmärchen „Wie die Flöte entstand“ bei den Märchentagen dabei sein wird. Und so, wie sie das Holz selbst ausgesucht, behandelt, geschliffen und die Löcher darin in den gefälligen Abständen ihrer Hand gebohrt, dem Instrument Leben in ihrer Stimmlage des Alt eingehaucht hat, so inniglich vermag sie auch darauf zu spielen, denn „die Flöte macht die Musik der Liebe“ . Und auch die Märchen treiben auf dem Klangstrom der Liebe in die offenen Häfen der Kinderherzen, so dass ihr jüngster Enkel am Omatag stets nur eine Bitte auf den Lippen hat: „Omi, erzähl mir was!“ Und sie erzählt mit dem Lächeln ihrer Zuversicht, „dass sie tun kann, was sie will, wenn sie weiß, was sie tut.“ Diese Klarheit und innere Freiheit teilt sie wohl mit ihren Märchenhelden und mit 30 anderen Märchenerzähler/innen des Berlin Brandenburgischen Märchenkreises, der 1993 in eben dieser Lausitz, in Spremberg gegründet wurde und nunmehr insgesamt 70 Mitglieder und Interessierte zählt.
Erzählen werden viele von ihnen zu den Märchentagen im November, aber für zwei Veranstaltungen lassen sie den Staffelstab unter sich reihum gehen, nämlich am Samstag, den 19.11 2011 um 15.00 Uhr in der Alten Bäckerei Pankow, in der Wollank - Str. 130 „Die Abenteuer des Raben“ und am Freitag, den 25.11.2011 um 19.00 Uhr in der Evangelischen Schule, in der Wallstr. 21 „Soll ich dir eine Geschichte erzählen“. (Voranmeldung erforderlich unter: 0179/ 77 83 247)


Denn, so formulierte Ursula Heindrichs, Ehrenpräsidentin der EMG vor drei Jahren zu ihrem 80. Geburtstag: „Das Märchen geht uns alle an. Es deutet und übersetzt unsere menschlichen Wünsche, Erfahrungen, Sehnsüchte, Hoffnungen, Schmerzen oder Utopien. Es ist Begleiter und Erklärer für Geschichte und Geschichten. Und: Es ist so reich an Wahrheit und Weisheit.“

den Artikel verfasste Kersin Yvonne Lange

die Fotos sind mit freundlicher Erlaubnis entlehnt von Regina Hermann (www.alagina-art.de)

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